Dagmar
Kübler
Texte für Presse und Unternehmen. Klare Worte. Gute Texte.
Erschienen in der LANDLUST Juli/August 2009:

Der Baumgeschichten-Erzähler
Text und Foto: Dagmar Kübler Thomas Janscheck spürt die Geschichten von alten Bäumen in Bayern auf. Damit sie in Erinnerung bleiben, hat er Radtouren zu den Veteranen entwickelt.
Im Jahre 1854 spannte Anna Maria Zimmermann aus Pflugdorf bei Landsberg am Lech ihr Pferd vor den Wagen und besuchte ihre Eltern auf dem Jäcklhof im rund zehn Kilometer entfernten Reisch. Auf der Heimfahrt scheute ihr Pferd, der Wagen kippte und begrub die Frau unter sich. Zu ihrem Gedenken errichteten die Trauernden an der Unglücksstelle eine Kapelle und pflanzten vier Linden.

Auf der Suche
Heute rauschen schnell die Fahrzeuge an dem verschwiegenen Ort vorbei. Doch Thomas Janscheck hat eine Vorliebe für diese geschichtsträchtigen Plätze. Wenn der Gartenbauingenieur und Naturpädagoge früh morgens in seinem Wohnort Wolnzach losfährt, weiß er nie, wohin der Tag ihn führen wird. Auf seiner Suche nach besonderen Bäumen und ihren Geschichten durchquert er monatelang Wiesen, Felder, Wälder, Parks und Gärten in Bayern.
BaumgeschichtenMeist endet die Reise in einer gut bestückten Bibliothek oder bei einer Tasse Kaffee an einem Küchentisch. Altgediente Bürgermeister, Heimatpfleger, erfahrene Holzfäller, Gartenbauvereine und Bauern erzählen ihm Überlieferungen. Nicht immer hat der 38-Jährige Glück. Manchmal kommt er mit seinen Fragen zu spät. "Oma hätte es noch gewusst", sagt so mancher junge Bauer, der den Hof, nicht aber seine Geschichten übernommen hat. So wurde seine Suche auch ein Wettlauf gegen die Zeit.
Aus seinem Fundus von geschätzten 6000 Geschichten hat der gebürtige Münchener inzwischen rund 800 dokumentiert und etwa die Hälfte davon in seinen Baum- und Radführern veröffentlicht. 120 Bäume beschreibt er in seinem neuesten Werk, für das er 18 Monate lang im Landkreis Landsberg recherchiert hat. Aus den 350 Kilometern, die zwischen den Bäumen liegen, hat er acht Radtouren zusammengestellt und einen mit Landkarten versehenen Rad- und Baumgeschichten-Führer geschrieben.
Diesen ergänzen alte Überlieferungen, die belegen, dass das Leben der Menschen im Landsberger Raum eng mit Aberglaube und Sagengestalten verwoben war. So erfährt der Leser beispielsweise von den Reitermännlein, die im Wald in alten, hohlen Eichen gewohnt und den Menschen so manchen Schabernack gespielt haben sollen. Die grünen Kobolde, deren Haar und Bart wie graulichtes Moos verfilzt waren, gerieten demzufolge manchmal mit dem gefällten Holz ins Dorf. Besonders in den Rauhnächten sollen die Bewohner ihnen begegnet sein.

Kapellen und ihre knorrigen Beschützer
Eng miteinander verbunden sind altehrwürdige Bäume und Kapellen. Bis ins 14. Jahrhundert reichen beispielsweise die Ursprünge der Walburgakapelle bei Kaufering. Beschützt von einer mehrstämmigen Linde und umfriedet von einer Mauer, liegt sie mitten in wogenden Getreidefeldern. Um 1630 wütete in den umliegenden Orten die Pest, hunderte Verstorbene wurden nachts auf filzbeschlagenen Totenwagen lautlos dorthin gebracht und begraben.
Anders die Geschichte der drei Geiger-Linden, die am höchsten Punkt von Denklingen majestätisch ihre starken Äste über einer kleinen Kapelle ausbreiten. Franz Xaver Geiger verstarben nacheinander drei Ehefrauen im Kindbettfieber. Erst als er 1880 für jede seiner Frauen eine Linde pflanzte und einen Bildstock aufstellte, zog mit der vierten Ehe das Glück in sein Haus ein: Seine Gattin schenkte ihm zwei Kinder. Sachte bewegt heute der Wind eine an langen Seilen vom Ast herabhängende Schaukel hin und her.

Mittelpunkt des Dorfes
Auf die Linde trifft Thomas Janscheck häufig bei seiner Suche. "Sie ist in Bayern ein bewusst gepflanzter Baum", sagt er. Oft behütet sie Kapellen, diente als Gerichtsbaum oder schenkt als Mittelpunkt des Dorfes ein Stück Heimat und Geborgenheit.
Im Wessobrunner Raum bestaunt der 38-jährige an diesem Tag mehrere Lindenpersönlichkeiten. Unter der Wessobrunner Gebetslinde, die früher wohl die Gerichtslinde des Klosters Wessobrunn war, versucht er, das sogenannte Wessobrunner Gebet zu entziffern. Es ist eines der ältesten deutschen Schriftstücke, eingemeißelt in einen mannshohen Steinfindling.
Die Befreiungslinde gleich daneben wurde aus Freude über den Wegfall des Schulgeldes innerhalb der Abtei Wessobrunn 1796 gepflanzt. Und im nahen Waldstück findet der Wanderer die wohl berühmteste Linde Bayerns, die tausendjährige Tassilolinde, in deren hohler Mitte rund 20 Kinder Platz haben.
Ein paar Kilometer südlich wachsen so viele Linden, dass sogar ein Ort nach dem herzblättrigen Baum benannt wurde. An der alten Linde von Linden trifft Janscheck die drei Generationen der Familie Bader, für die "ihre" Linde zur Familie gehört, gehegt und gepflegt wird. "Seid du des Baumdaferl aufgschtellt host, kimman no mehrer Leit und bestaunen unsern Bam", sagt Maria Bader lachend.

Sinnbild des Lebens
Linden sind für den Baumexperten das Sinnbild des ewigen Lebens. "Selbst ein uralter, morscher, hohler Baum kann sich wieder verjüngen", schwärmt er. Das ist derzeit an der umgestürzten, tausendjährigen Schwiftinger Marienlinde zu sehen. Nach einem heftigen Sturm blieben nur wenige Wurzeln im Boden. Fast der ganze Wurzelstock bohrt sich skurril in den Himmel. "Die ist hin", orakelten die Leute und pflanzten schnell eine Nachfolgerin. Doch die alte Dame hat es allen Unkenrufen zum Trotz geschafft: Zarte Blättchen zeigen sich an den Zweigen. Zwar liegt sie, aber sie lebt und ist noch für lange Zeit Heimstatt für Tausende von Lebewesen. Ob man den alten Bäumen Zeit und Raum für einen würdigen Abschied zugestehe, spiegele den Geist einer Gesellschaft wider, auch in Bezug auf sich selbst, sinniert Thomas Janscheck.
Mit seinen Geschichten bringt der Erzähler die Bäume wieder ins Bewusstsein der Menschen, die dadurch eine neue Nähe und Verbundenheit zu ihrer Heimat fühlen. Hat ein Baum eine Geschichte, gehört er als Lebewesen zum Ort. Das Dorf ist stolz auf ihn. Und fällt er tatsächlich einmal der Säge oder einem Sturm zum Opfer, wird an seiner Stelle ein neuer Baum gepflanzt, berichtet Thomas Janscheck.

Eine kleine Landpartie von Baum zu Baum

Wer mit dem Rad unterwegs ist, findet die Bäume am besten. So genießt der Naturliebhaber die frische Voralpenluft und mit ein bisschen Glück beschert ihm der berühmt-berüchtigte Föhn eine unvergessliche Sicht auf die Berggipfel der Alpen.
Wir machen uns auf in den oberbayerischen Landkreis Landsberg, um ein paar Bäume der im Führer beschriebenen Radtour Nummer zwei zu erkunden: Abseits der vielbefahrenen Straßen, bergauf und bergab, schlängeln sich die Wege von Baum zu Baum, von Linde zu Eiche, von Buche zu Weide. Die Landstrasse führt zu den Eichwiesen süd-östlich von Landsberg am Lech. Merkwürdige Hügel, mit alten Eichen bekrönt, liegen willkürlich verteilt auf einer Weide: Einst siedelte hier der keltische Stamm der Likatier. In siebenundzwanzig Hügelgräbern bestatteten sie vor mehr als 2000 Jahren an diesem Ort ihre Toten. Nach den Ausgrabungen im 19. Jahrhundert wurden Eichen auf den Hügeln gepflanzt. Keine andere Baumart hätte besser zu den Kelten gepasst, verband sie doch mit ihnen und besonders mit den darauf wachsenden Misteln eine religiöse Verehrung.
Bereits im nächsten Dorf, in Reichling, treffen wir auf einen mit einer Baumtafel markierten, interessanten Baum: Eine Linde, die im Jahr 1911 zum 90. Geburtstag des vom Volk hochverehrten Prinzregenten Luitpold gepflanzt wurde. Sie blieb nicht unversehrt, denn 1945 hat ein einrückender amerikanischer Panzer mit seinem Panzerrohr ein tiefes Loch in den Stamm gerissen. Luitpold, der kunstsinnige und soziale Monarch, hätte sich über diesen "militärischen Schlag" gegen sein grünes Denkmal sicher nicht gefreut.
Kurvenreich schwingt sich die Straße durch dichten Wald hinab zum smaragdgrünen Lech. Hier überquerten die Römer, die 14 vor Christus am Lech siedelten, den 264 Kilometer langen Strom. Und die Römerstrasse Via Claudia Augusta führte dort auf ihrem Weg von Oberitalien nach Augsburg vorbei. Die ungewöhnliche Farbe des Lechs ist schnell erläutert: Das Wasser enthält Kalkanteile, die es auf seinem Weg aus den Felsen ausgewaschen hat. Diese färben das Wasser grünlich. Außerdem ist der Gebirgsfluss recht kalt, so dass sich kaum Algen bilden können und das Wasser klar bleibt.
Weiter auf der Strecke, in Sachsenried, erinnert eine Friedenslinde aus dem Jahr 1871 an den Krieg gegen Frankreich. Selbst aus diesem kleinen Örtchen hatte das Heer zwei junge Burschen für den Kampf eingezogen. Aus Freude über ihre unbeschadete Rückkehr pflanzten die Dorfbewohner zwei Linden. Eine davon lockt noch heute Bienen und Schmetterlinge mit ihrem süßen Duft an.
Die alten Zeiten sind vorbei. Doch die historischen Bäume schlagen eine Brücke zwischen heute und damals und erinnern uns an die Geschichte. Wir lassen diese in uns nachklingen und beenden unsere Radtour in einem urgemütlichen bayerischen Biergarten mit schattenspendenden Kastanienbäumen.

Baum-Brauchtümer
In den Mythen mancher Völker geht die Existenz der Menschen direkt auf den Baum oder Wald zurück. Auch später noch symbolisierte der Baum eine Urkraft, die die vegetationsarme Jahreszeit überwinden kann: Grüne Zweige stehen für Lebenskraft. Vielerlei Bräuche haben sich aus der Verehrung der großen Brüder der Menschen entwickelt. Manche sind heute kaum bekannt, andere werden noch praktiziert.

Besonders beliebt bei Kindern in der Region des Berchtesgadener Landes war früher das Baumbusseln. Sie wurden in der Zeit der Rauhnächte in die Baumkronen der Obstbäume gehoben und weckten dort die Blüten symbolisch durch ein Küsschen. Dazu sagte man den Spruch: "Baum i mog di und i sag, morgen ist Dreikönigstag, bring uns Äpfel, Zwetschgen, Birn, dass sich gleich die Äst abbiegen." Thomas Janscheck lässt in seinen Naturpädagogikseminaren mit Kindern den alten Brauch wieder aufleben. Allerdings bevorzugt er den 22. April, den Tag vor Georgi, denn: "Auf Sankt Georgs Güte stehn alle Bäum' in Blüte", heißt eine Bauernregel. "Einige Tage später treiben die Bäume tatsächlich aus und die Kinder sind stets von Neuem beeindruckt", sagt der Baumexperte.

Von einem Brauch, der bis 1952 noch praktiziert wurde, erzählten ihm zwei Männer aus Höglingen im Landkreis Rosenheim. Sie haben das Högeln noch am eigenen Leib miterlebt. Alljährlich an Kirchweih wurde jeder männliche Neubürger zur Dorflinde getrieben, an Armen und Beinen gefasst und mit einem dreimaligen "Högl auf" in die Höhe gelupft. Dieser antwortete jedes Mal mit einem lautstarken "Juchu". Anschließend übergoss man seinen Kopf mit kaltem Wasser und steckte einen Zweig der Linde auf der Herzseite an seine Jacke. So wurde das "Anwachsen" im Dorf symbolisiert und die Aufnahme in die Dorfgemeinschaft besiegelt.

Noch heute flattern Bänder am Richtbaum auf dem First eines Rohbaues. Symbolisch wird durch die kleine Fichte die Lebenskraft des Waldes auf das neue Haus übertragen.

Uralt ist der Brauch des Rutenschlagens. Mit Hasel- oder Ebereschenzweigen zogen früher die Kinder zu Ostern, Weihnachten oder Neujahr durchs Dorf und "pfefferten" jedermann mit ihrer Rute. Dazu sagten sie einen Spruch auf und baten um eine Gabe. Hintergrund dieses Brauches sei die Angst vor dem Verlust der Lebenskraft im Winter, sagt Thomas Janscheck.

Buchtipp:
Thomas Janschecks Radtouren und Baumgeschichtenführer "Von Baum zu Baum" gibt es für vier bayerische Regionen: Rosenheimer Land und Chiemgau, Miesbacher Land mit den Regionen Tegernsee, Schliersee und Wendelstein, Traunstein (momentan vergriffen) sowie Landsberg am Lech mit den Gebieten Lechfeld, Lechrain, Pfaffenwinkel und Ammersee.
Die Bücher sind über den Buchhandel erhältlich oder direkt beim Karthografischen Verlag Huber, zum Preis von € 7,50 bzw. € 9,80 für den Landkreis Landsberg,
Telefon: 08033/8237, E-Mail: kvh@suchekarten.de
Weitere Informationen unter: www.baumgeschichten.de

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er darf weder ganz noch auszugsweise von Dritten verwendet werden.

zurück zu: Leseproben